Chronik

125 Jahre Kolpingfamilie Borken im Jubiläumsjahr 2004

…So war es

125 Jahre Kolpingfamilie Borken: Ein Verein feiert in diesem Jahr Jubiläum, der aus dem Leben der hiesigen Kreisstadt nicht mehr wegzudenken ist und dessen Mitglieder während der ganzen Zeit zum Teil an verantwortlicher Stelle das Leben in der Stadt mitgeprägt haben.
Vor 125 Jahren war die erste Zeit der großen sozialen Spannungen. Die Klassen kämpferischen Thesen eines Karl Marx wurden von den vom Kapitalismus betrogenen Menschen begeistert angenommen. in dieser Zeit der Verrohung und Gewalt lebte der Priester Adolph Kolping. Selbst einmal Handwerker gewesen, kannte er die Misere des deutschen Handwerks und die moralische Venwilderung der Gesellen, wusste um die soziale Ungerechtigkeit, lehnte aber Marx‘ Parolen als ungeeignetes Mittel zur Hebung des Lebensstandards ab. Der Theorie der Gewalt setzte er sein Lebenswerk entgegen, das auf Argumentation, Verständnis, Liebe und Zusammengehörigkeit aufgebaut war.

Gründung in Borken

Man schrieb das Jahr 1879. In Borken verrichtete Kanonikus Heuveldop seinen priesterlichen Dienst. Einige Borkener Gesellen, von der Wanderschaft zurück, hatten mit dem Werk Adolph Kolpings Bekanntschaft gemacht. Sie traten mit dem Plan einer Gründung an Kanonikus Heuveldop heran. Bei der Gründungsversammlung beim Gastwirt und Kupferschmied Karl Theben (früher Osper) trugen sich außer Präses Heuveldop noch 13 Gesellen als Mitglieder des Borkener Gesellen-Vereins ein. Wie rührig dieser Verein Ende des vorlertzen Jahrhunderts gewesen sein muss, lässt sich an Hand einer Aktennotiz bei der Freiwilligen Feuerwehr Borken feststellen, der zu entnehmen ist, dass bereits im Jahre 1881 Präses Heuveldop eine Gesellenwehr innerhalb des katholischen Vereins gründete. Diese konnte schon damals 70 Mitglieder verzeichnen. Ebenfalls aus der Überlieferung ist bekannt, dass der katholische Gesellenverein 1881 bereits mit klassischen Theaterstücken an die Öffentlichkeit trat.

 

Das Büdeken

Der Wunsch, den Feierabend in gemütlicher Runde mit Freunden zu verbringen, war der Vater des Gedankens, ein vereinseigenes Haus zu schaffen. So entstand das „Büdeken“, ein Vorläufer des Wirtschaftsgebäudes. Den Berichten und Niederschriften früherer Chronisten ist zu entnehmen, dass das Büdeken nur aus einem Raum bestand und dieser nicht größer als 14 qm war. Im Jahre 1894 übernahm Kanonikus Möller die Leitung des Vereins. Unter seiner Regie wurde die Kegelbahn gebaut, auch erweiterte er den Saal beträchtlich. Besondere Sorgfalt legte Kanonikus Möller auf eine gründliche und vielseitige Aus- und Weiterbildung seine Gesellen. Die Fortbildung erfolgte auch sonntags. 1905 übernahm Kanonikus Rottmann das Amt des Präses bis 1907. Danach kam mit Kanonikus Brüel ein tief religiöser und sehr theaterfreudiger Mann. Vor allen Dingen liebte er das religiöse Theaterspiel. Wie sehr Präses Brüel dem Theater zugetan war, wird daraus ersichtlich, dass er sämtliche Kulissen selbst malte. Sorgen bereitete ihm nur noch die relativ provisorische Bühne. Er ruhte deshalb nicht eher, bis eine erstkassige Bühne mit entsprechen Nebenräumen erstellt war.

Das 40 jährige Jubiläum

Zu Beginn des ersten Weltkrieges trat Kanonikus Schlothmann sein Amt als Präses des katholischen Gesellenvereins an. Seine liebenswerte Art in Verbindung mit seinem unbekümmerten Optimismus trug dazu bei, direkt nach Ende des Ersten Weltkrieges den Menschen seiner Umgebung Mut einzuflößen. Auf seine Initiative hin entstand 1919 der Meisterverein. Ein Jahr später wurde unter seiner Regie das 40jährige Stiftungsfest gefeiert. Der Verlauf desselben war so glanzvoll, dass eine Sonderausgabe des Borkener Volksblattes vom 30. August 1920 darüber berichtete.

Das neue Haus

1924 wurde Präses Schlothmann zum Bezirkspräses ernannt Mit Kanonikus Weber kam einen rührigen Nachfolger. Deutschland war auf dem Wege der wirtschaftlichen Wiedergesundung durch die wiedererstarkte Deutsche Reichsmark. Widrige Umstände hatten bisher den Neubau eines eigenen Hauses verhindert. Nun ging es ans Werk, 30.000 RM waren gesammelt worden waren. Zusätzlich wurden noch mit Billigung des Kirchenvorstandes 40.000 RM aufgenommen. Der gemeinsame Einsatz von Mitgliedern fand am 11. Mai 1930 den gerechten Lohn, als der kath. Gesellenverein sein neues Haus einweihen konnte. Das im gleichen Jahr festlich begangene Fest zum 50-jährigen Bestehent fand damit eine prächtige Krönung,

Im Dritten Reich

Kanonikus Kruse löste 1932 Präses Weber in der Führung des Vereins ab. Arge Finanzschwierigkeiten drückten den Verein. Für diese Zeit war Kanonikus Kruse der rechte Mann. Er entwickelte sich zum regelrechten Finanzgenie. Ebenfalls nur zwei Jahre führte anschließend Kanonikus Henneke die Kolpingfamilie; mittlerweile wurde der Verein so genannt.
Sein Amt gab er 1936 an Kanonikus Watermann ab. Damals war noch die seelsorgerische Betreuung der Jugend durch das Verbot der katholischen Vereine kaum möglich. Watermann umging dieses Verbot, indem er Lehrlingsgruppen innerhalb der Kolpingfamilie bildete und somit den Bestand über die kritische Zeit brachte, als an vielen Orten die Kolpinghäuser geschlossen wurden und ein Vereinsleben kaum möglich war. Seine Wohnung wurde praktisch zum Versammlungsraum. Fast jeden Abend fand sich dort ein Kreis junger Menschen und erhielt hier seine Formung.

Nach dem 2. Weltkrieg

Der Krieg hatte auch am Kolpinghaus seine Spuren hinterlassen, Unter großer Mühsal konnte bereits schon Ende 1945 der kleine Saal wieder eingeweiht werden. Um die finanzielle Lage des Vereins zu verbessern, wurde bei Lövelt eine Freilichtbühne gebaut. Dort sahen dann Tausende die herrlich in Szene gesetzten Theaterstücke „Rosa von Tannenburg“ und „Im Hungerjahr“. Mittlerweile führte Präses Wiggenhorn den Verein. Er entwickelte sich zum Manager. Seine Geschäftstüchtigkeit kam dem Verein häufig zugute. Hauptaugenmerk seiner Arbeit war jedoch die religiöse Vertiefung und berufsständische Bildung seiner Gesellen. Er war ein Präses, mitunter hart in seinen Forderungen, aber auch immer bereit zu geben.

Kanonikus Kolve löste ihn 1950 ab. Mit der ihm eigenen humorvollen und verbindlichen Art hatte er schon bald die volle Zuneigung der gesamten Kolpingsfamilie erworben. Im Dezember 1952 konnte er mit seinen „Söhnen“ den großen Kolpingsaal seiner Bestimmung übergeben. Nur durch das große Zusammengehörigkeitsgefühl aller und das Bestreben, etwas Bedeutendes zu schaffen, konnte der Saal gebaut werden. Die heutigen Senioren-Mitglieder haben sich große Verdienste um die Zukunft der Kolpingfamilie Borken erworben.

 

Vor 50 Jahren

1954 liefen die Vorbereitungen für das 75jährigen Bestehen. In einem farbenprächtigen Umzug zeigten die verschiedensten Berufe sich im Wandel der Zeiten. Ehrengast und Festredner war Karl Arnold, der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Im Verlauf der Vorbereitung und der Abwicklung dieses Festes wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Kolpingfamilie enorm gestärkt.
1955 gab Kanonikus Kolve die Leitung der Kolpingfamilie an Kanonikus Klapper ab, der jedoch schon bald Borken verließ. Kanonikus Rissenahm seinen Platz ein. Risse ließ die Theateraufführungen wieder aufleben und setzte sich sehr stark für die Jugend ein. In seine Regentschaft fällt auch die Neugründung der Jungkolpinggruppe.

Ihm folgte im Jahr 1959 Kanonikus Zellerhoff. Mit seiner unkonventionellen burschikosen Art verstand er es schon bald, die Jugend für seine Aktivitäten zu interessieren. In den sechziger Jahren wurde auch in der Borkener Kolpingfamilie das Vereinsleben im Zuge des immer breiteren Vergnügungsangebots immer müder.

Mitglieder verließen den Verein. In dieser schwierigen Phase übernahm Kanonikus Lenfers das Amt des Präses. Mit ihm kam ein leiser, besonnener Mann, der versuchte, aus den veränderten gesellchaftlichen Ordnungen das Beste für die Kolpingfamilie zu gewinnen. Der Versuch, mit einer Basisgruppe „Kreis junger Familie“ das Vereinsleben von innen heraus zu regenerieren, schlug fehl, da entsprechendes Führungspersonal nicht verfügbar war. Kanonikus Lenfers verließ Borken 1971 und ging als Leiter nach Haus Hall.

Seine Aufgabe übernahm Kanonikus Ottmann. Unsere Nachfragen beim Zentralverband ergaben, dass er mit heute 33 „Dienstjahren“ einer der dienstältesten Präsides des Kolpingwerkes ist. Im Zuge der Hinwendung der Menschen wieder zu mehr Gemeinsamkeit lebte auch in der Borkener Kolpingfamilie das Vereinsleben wieder stärker auf. Im Hinblick auf das „Hundertjährige“ konnte die Kolpingfamilie Borken wieder eine Jundkolpinggruppe vorweisen, deren rapides Anwachsen selbst in den kühnsten Träumen der Verantwortlichen nicht erwartet worden war.

 

Mai 1979- das „Hundertjährige“ wird groß gefeiert.
Überhaupt brachte die Vorfreude auf das Jubiläumsfest eine Aktivität an den Tag, welche sich schon bald in der Bildung eines 16-köpfigen Festausschusses etablierte. Zwar wurde alles im Konsens erarbeitet, aber als Ideengeber und Motivator sei an dieser Stelle Paul Ebbert genannt. Bei ihm liefen alle Fäden zusammen.
An fünf Tagen des Monat Mai fand das Jubiläumsfest unter dem Motto „Familie gut – alles gut“ statt. Getreu diesem Wahlspruch wurden während der Festtage auch einige Programmpunkte in familiärer Atmosphäre abgewickelt. Besonderer Höhepunkt war der große Festumzug mit 30 Motivwagen und vielen Fußgruppen. Presse und Borkener Bevölkerung waren erstaunt, dass ein Verein mit damals ca. 180 Mitgliedern ein so gewaltiges Programm abwickeln konnte. Die Euphorie des „Hundertjährigen“ wurde mitgenommen in die nächsten Jahre, und so entwickelte sich ein sehr reges Vereinsleben, man kann sagen, die Blütezeit des Jubiläumsvereins.

Wie die gesellschaftliche Struktur sich ständig wandelte, so wandelte sich auch in der Kolpingfamilie Borken die Personal- und Veranstaltungsstruktur. Frauen hatten zwar schon vor dem Hundertjährigen mitgearbeitet, aber doch mehr im Hintergrund. Nach dem Jubelfest traten sie stärker auf den Plan, beteiligten sich aktiv im Vorstand und bearbeiteten eigene Ressorts, vornehmlich im humanitären und kulturellen Bereich. Auch die geselligen und sportlichen Veranstaltungen wurden tatkräftig mitgestaltet. Heute sind sie aus der aktiven Verbandsarbeit nicht mehr wegzudenken.

An dieser Stelle sei allen gedankt, die sich in den letzten 25 Jahren um die Kolpingfamilie Borken verdient gemacht haben. Alle, die sicherlich immer ihr Bestes in ihrer Arbeit zum Wohl der Gemeinschaft gaben, hier ausführlich zu würdigen, würde den Rahmen dieser Chronik sprengen.

Deshalb bleibt nur zu wünschen, dass sich immer wieder Menschen aller Altersklassen, beider Geschlechter und aller sozialen Schichten finden werden, die die sicherlich nicht immer leichte- und auch nicht immer honorierte- Arbeit innerhalb der Kolpingfamilie leisten werden. Zu dieser ehrenamtlichen Arbeit gehört auch die Vorbereitung der Festwoche zum 125- jährigen Bestehen und auch die Herausgabe dieser Festzeitschrift.

Text: Lothar Strauch, aus “125 Jahre Kolpingfamilie Borken, April 2004

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